"Jugendkriminalität" im NRW-Landtag. Eine Debatte, viele Positionen – und ein Blick hinter die Kulissen
- EMA So.Wie?So!

- vor 21 Stunden
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„Wir sprechen über Messer an Schulen!“

Es ist 12.20 Uhr im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf. Die Besuchertribüne füllt sich weiter, etliche Schülergruppen und auch wir sind dabei. Unten im Plenarsaal nehmen Abgeordnete ihre Plätze ein. Tablets werden aufgeklappt, einige Politiker laufen noch durch den Saal, andere wechseln noch ein paar Worte über die Reihen hinweg.
Dann beginnt die Debatte.
Am Rednerpult spricht eine Abgeordnete über soziale Ursachen von Jugendkriminalität. Doch plötzlich wird es laut im Saal. Ein Zwischenruf hallt durch den Raum:
„Wir sprechen über Kinder, die mit einem Messer durch die Gegend laufen!“
Einige Abgeordnete klopfen zustimmend auf ihre Tische. Andere schütteln den Kopf.
Kurz darauf folgt der nächste Ruf: „Wir sprechen über Messer an Schulen!“
Von der Besuchertribüne wirkt der Moment fast wie eine Szene aus einem Drama. Nur dass hier keine Schauspieler auf der Bühne stehen, sondern gewählte Abgeordnete, die über ein Thema streiten, das Schülerinnen und Schüler unmittelbar betrifft:
Jugendkriminalität.
Ein Antrag - fünf politische Perspektiven
Auslöser der Debatte ist ein Antrag der FDP-Fraktion mit dem Titel:
„Kinder- und Jugendkriminalität entgegnen – Mehr Prävention mit mehr Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit verbinden.“
Der Antrag reagiert auf Entwicklungen, die Politik, Schulen und Jugendhilfe zunehmend beschäftigen. Studien und Kriminalstatistiken zeigen, dass bestimmte Formen von Gewalt unter Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen haben und Politik, Justiz und Bildungssystem vor neue Herausforderungen stellen.
Doch schnell wird im Plenarsaal deutlich: Die Parteien interpretieren diese Entwicklung sehr unterschiedlich.
Der Auftakt: „Dass Kinder sicher nach Hause kommen“

Der FDP-Abgeordnete Marcel Hafke eröffnet die Debatte. Er beginnt mit einem Bild aus dem Alltag vieler Familien:
„Wenn Eltern morgens ihr Kind zur Schule bringen, erwarten sie etwas sehr Grundsätzliches: dass es nachmittags wieder sicher nach Hause kommt.“
Nach Ansicht der FDP hat sich die Situation in den letzten Jahren spürbar verändert. Gewalt unter Jugendlichen nehme zu, besonders bei einer kleinen Gruppe sogenannter Intensivtäter. Hafke verweist dabei auf Zahlen aus der Kriminalstatistik und spricht von steigenden Gewaltdelikten sowie Tausenden Straftaten mit Messern oder anderen Stichwaffen. Seine Schlussfolgerung formuliert er deutlich:
„Das Feststellen des Problems löst es nicht.“
Die FDP fordert deshalb ein umfassendes Maßnahmenpaket. Polizei, Schulen, Jugendhilfe und Justiz müssten enger zusammenarbeiten, Eltern stärker in die Verantwortung genommen werden und für besonders auffällige Intensivtäter solle es verbindliche Programme geben. Dazu zählt auch ein Vorschlag, der im Plenarsaal besonders kontrovers diskutiert wird: sogenannte „Letzte-Chance-Bootcamps“, die Jugendlichen mit klaren Regeln, strukturierten Tagesabläufen und intensiver Betreuung einen Ausstieg aus der Gewaltspirale ermöglichen sollen. Dabei betont Hafke: „Ein Bootcamp ist kein Straflager“.
„Ein Rundumschlag von Positionen“ (CDU)

Der CDU-Abgeordnete Christos Katzidis tritt als nächster Redner auf. Seine Einschätzung fällt deutlich nüchterner aus:
„Der Antrag ist ein Rundumschlag von Positionen.“ Viele Vorschläge seien bereits mehrfach diskutiert worden. Katzidis stimmt zwar zu, dass Jugendkriminalität ein ernstes Thema sei, warnt jedoch davor, die Situation zu dramatisieren.
„Es gibt eine kleine Gruppe von Intensivtätern, die tatsächlich das Problem sind.“
Die Mehrheit der Jugendlichen halte sich an Regeln. Viele Straftaten im Jugendalter seien zudem nur vorübergehende Grenzüberschreitungen. Die meisten Straftaten seien episodenhaft.
„Jugendliche sind oft selbst Opfer“ (SPD)

Der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas lenkt die Debatte in eine andere Richtung.
Er beschreibt Jugendkriminalität als gesellschaftliches Spannungsfeld zwischen Erwartungen und Lebensrealitäten.
„Die Aufgabe ist zunächst, ein Spannungsverhältnis auszuhalten.“
Einerseits müsse die Gesellschaft Regeln durchsetzen. Andererseits müsse man verstehen, unter welchen Bedingungen Jugendliche aufwachsen.
Ein zentraler Satz seiner Rede lautet:
„Kinder und Jugendliche sind zunächst in einem sehr hohen Maße Opfer von Kriminalität.“
Viele Konflikte entstünden aus sozialem Druck, Gewalt im Umfeld oder schwierigen Lebenssituationen. Deshalb müsse Politik stärker auf Prävention, soziale Unterstützung und pädagogische Begleitung setzen.
„Nicht kalte Härte ist nötig, sondern hingucken, korrigieren und begleiten.“
Als Bialas seine Argumentation weiter ausführen will, unterbricht die Sitzungsleitung plötzlich. „Sie sind schon 40 Sekunden über der Zeit.“
Ein kurzer Moment der Unruhe entsteht im Saal.
„Ein superkomplexes Problem“ (Grüne)

Die Grünen Abgeordnete Eileen Woestmann bringt eine sozialpädagogische Perspektive ein. Sie widerspricht der Darstellung, Eltern seien häufig einfach verantwortungslos.
„Diese Pauschalität finde ich nicht richtig.“
Viele Familien hätten selbst schwierige Erfahrungen gemacht oder seien durch Armut und Belastungen überfordert.
„Ganz oft haben Eltern selbst Traumatisierungen erlebt.“
Während Woestmann über Ursachen und Prävention spricht, wird die Debatte plötzlich deutlich lauter. Ein FDP-Abgeordneter ruft dazwischen: „Wir reden über Gewalttaten!“
Kurz darauf fällt erneut der Satz, der später noch lange nachhallt: „Wir sprechen über Messer an Schulen!“ Woestmann bleibt ruhig.
„Es gibt keine einfache Lösung für dieses superkomplexe Problem.“
Jugendliche müssten stärker in soziale Netzwerke eingebunden werden – etwa durch Jugendarbeit, Sportvereine oder Freizeitangebote.
Militärisch geprägte Bootcamps hält sie dagegen für den falschen Weg.
„Militärischer Drill hilft da nicht weiter.“
„Tatort Schule“ (AfD)

Der AfD-Abgeordnete Markus Wagner schlägt anschließend einen deutlich konfrontativeren Ton an. Er beginnt seine Rede mit einem provokativen Vergleich:
„Früher kannten wir den Tatort ‚Rotlichtmilieu‘ oder den Tatort ‚Bahnhof‘.“
Heute, so Wagner, „sollen wir uns an den Tatort Schule gewöhnen.“
Er nennt mehrere Gewaltfälle und kritisiert die Politik der Landesregierung scharf.
„Wir alle wissen, wer das zu verantworten hat.“
Seine Forderungen sind klar: strengere Gesetze, härtere Strafen und ein entschlosseneres Vorgehen gegen Intensivtäter.
Die Regierung - „Keine einfachen Lösungen“

Zum Abschluss spricht Jugendministerin Verena Schäffer für die Landesregierung.
Sie kommentiert zunächst direkt die vorausgegangene AfD-Rede:
„Es gibt eines, was ich nicht vermisst habe – die Reden einer ganz bestimmten Fraktion.“
Dann mahnt sie zu einer differenzierten Betrachtung:
„Wenn man sich mit Kriminalität beschäftigt, muss man ganz genau hinschauen.“
Pauschale Lösungen gebe es nicht.
„Es gibt keine pauschalen und einfachen Lösungen.“
Die Landesregierung setze stattdessen auf eine Kombination aus Präventionsprogrammen, Schulsozialarbeit und Projekten wie den Häusern des Jugendrechts, in denen Polizei, Justiz und Jugendhilfe enger zusammenarbeiten.
Die Szenerie von der Besuchertribüne betrachtet

Von oben wirkt der Plenarsaal fast wie eine Bühne. Redner*innen treten ans Pult, Zwischenrufe fliegen durch den Raum, Fraktionen applaudieren ihren eigenen Sprecherinnen und Sprechern. Die Sitzungsleitung greift ein, wenn Redezeiten überschritten werden oder die Debatte zu laut wird.
Zwischen den Reden blättern einige Abgeordnete in Unterlagen, andere tippen auf Tablets oder sprechen leise miteinander. Doch sobald ein neuer Redner ans Pult tritt, richtet sich die Aufmerksamkeit mehrheitlich wieder auf die Mitte des Saals.
Für uns auf der Besuchertribüne wird an diesem Vormittag eines besonders deutlich:
Politik ist auch Streit, Argument, Strategie – und manchmal eben auch Inszenierung.
Aber genau diese Art des Streitens gehört zur Demokratie.
Denn wenn im Parlament über Themen wie Jugendkriminalität gestritten wird, geht es am Ende um eine grundlegende Frage:
Wie eine Gesellschaft mit ihren Konflikten umgeht – und welche Zukunft sie der jungen Generation zutraut.
Ausblick auf die nächste Debatte - Integration in der Schule - separierter Deutschunterricht?

Während es für uns zum nächsten Programmpunkt geht, endet die Diskussion über Jugendkriminalität nicht einfach – sie geht direkt in die nächste Kontroverse über, die wir leider nicht mehr vollständig persönlich verfolgen konnten. Als nächstes geht es um ein Thema, das Schülerinnen und Schüler noch unmittelbarer betrifft: Sprache und Integration in der Schule.
Die AfD-Fraktion hat einen Antrag mit dem Titel gestellt:
„Deutschförderung vor Regelunterricht – fremdsprachige Schüler brauchen differenzierte Betreuung.“
Im Kern fordert der Antrag, dass Kinder mit geringen Deutschkenntnissen zunächst separat Sprachunterricht erhalten sollen, bevor sie am regulären Unterricht teilnehmen dürfen. Erst wenn sie die deutsche Sprache ausreichend beherrschen, sollen sie wieder vollständig in den Regelunterricht integriert werden. Begründet wird der Vorschlag unter anderem mit sinkenden Leistungen im Fach Deutsch und mit der These, heterogene Klassen mit unterschiedlichen Sprachniveaus würden den Unterricht erschweren.
Die kontroversen Themen wechseln – die Diskussion wird fortgesetzt.
Quellen&Hintergründe
Live-Stream u. Plenarprotokoll:
Studie NRW Oktober 2025 („Zur Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen: Abschlussbericht zum Teilprojekt „Dunkelfeld““):

