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„Du kannst hier alle Gefühlswelten miterleben...“

Warum die Schülerbibliothek ein besonderer Ort an unserer Schule ist

So.Wie?So!-Interview von Anouk, Aylin und Nerea mit Frau Grützmacher


Foto: Lucca Enk
Foto: Lucca Enk

Am Ende des dritten Stocks im E-Trakt liegt ein Raum, den viele kennen – und doch kaum wirklich wahrnehmen: unsere Schülerbibliothek.

Im Gespräch mit Frau Grützmacher wird schnell klar, dass es hier um weit mehr geht als um Regale voller Bücher. Es geht um Ruhe, Fantasie, eigene Bilder im Kopf – und um die Frage, warum Lesen heute vielleicht wichtiger ist denn je.


„Ein Buch ist immer dein Freund.“

(Frau Grützmacher)




Foto: Jamie Al-Khalaf
Foto: Jamie Al-Khalaf

Wie alles begann...

Anouk: Hallo Frau Grützmacher, danke, dass Sie sich heute Zeit genommen haben, mit uns das Interview über die Schülerbibliothek zu führen.

Ich bin Anouk aus der 8b.

Aylin: Ich bin Aylin aus der 8b.

Nerea: Ich bin Nerea aus der 5a.

Frau Grützmacher: Genau, und ich bin Frau Grützmacher aus der Schülerbibliothek.

Nerea: Könnten Sie sich kurz vorstellen und erzählen, wie Sie zur Leitung unserer Schulbibliothek gekommen sind?

Frau Grützmacher: Ich bin seit 15 oder 16 Jahren hier am EMA und betreue seit 10 Jahren die Schülerbibliothek. Ich habe die Bibliothek übernommen von einer Kollegin, die damals in den Ruhestand gegangen ist. Und weil ich selbst ja gelernte Buchhändlerin bin und Bücher meine absolute Lebensliebe sind, habe ich gedacht, das passt gut, das mache ich gern.



„Bücher sind meine absolute Lebensliebe.“

Was viele nicht wissen: Die Arbeit hinter den Kulissen der Bibliothek

Aylin: Viele wissen gar nicht, wie viel Arbeit hinter einer Schulbibliothek steckt. Was unterschätzen die meisten daran?

Frau Grützmacher: Die meisten unterschätzen diese ganze Verwaltungsarbeit: Menschen anwerben, bei Laune halten, Dienstpläne schreiben, ständig hin und her mailen. Ich glaube, das ist die Hauptarbeit. Dann bestellen wir natürlich immer neue Bücher nach. Aber das macht ja auch Freude, sich ein bisschen umhören, einlesen. Und wir machen auch Teamsitzungen, um zu entscheiden in welche Richtung es gehen soll, meistens einmal im Quartal.




Neuanschaffungen, Highlights und was es hier alles zu entdecken gibt

Anouk: Was gibt es hier eigentlich alles, was viele Schülerinnen vielleicht noch gar nicht entdeckt haben?

Frau Grützmacher: Wir haben jetzt eine zunehmend größer werdende Comic-Ecke, da gibt es total interessante Sachen, zum Beispiel die Graphic Novel Reihe „Esters Tagebücher“, die ein Mädchen von ihrem zehnten bis 18. Lebensjahr begleitet. Das ist so ein bisschen in der Art von Gregs Tagebuch, was ja vor allem bei Jungs super beliebt ist…

Was wir auch neu angefangen haben, ist eine Abteilung mit Lektüre in einfacher Sprache für Kinder mit Deutsch als Fremdsprache oder mit Förderbedarf Sprache. Wir versuchen auch, fremdsprachige Literatur ein bisschen anzuheben. Überwiegend haben wir bis jetzt Englisch, einiges in Französisch, ganz wenig Spanisch, ganz wenig Italienisch.

Was wäre noch überraschend bei uns in der Bibliothek? Wir haben überwiegend Bücher für jüngere Leser, das ist schon richtig. Wir haben aber durchaus auch eine Abteilung mit Texten, die für ältere LeserInnen wären.


Die Entwicklung der Bibliothek und vor welchen Herausforderungen sie steht

Nerea: Wie hat sich unsere Bibliothek in den letzten zehn Jahren denn verändert?

Frau Grützmacher: Wir hatten früher einen Raum im ersten Stock, sind dann umgezogen in die ehemalige Hausmeisterwohnung in E106. Und da hatten wir am Anfang vier Räume und vor allen Dingen auch Computerarbeitsplätze, also ein viel größeres Angebot. Jetzt haben wir wieder nur einen Raum und wahrscheinlich müssen wir nochmal umziehen. Beim letzten Umzug musste ich aus Platzgründen unendlich viele Bücher wegschmeißen.

Und jetzt in der neuen Bibliothek haben wir einen Wahnsinnsansturm von BesucherInnen. Leider, muss man sagen, weil die meisten nicht verstehen, was eine Bibliothek ist. Und egal, in wie vielen Pausen ich denen das erkläre, bleibt es einfach dabei, dass sie das mit einem Spielzimmer, einer Spielothek, einem Sportplatz verwechseln. Und das nervt unendlich.



Foto: L. Enk
Foto: L. Enk

Warum eine Schulbibliothek so wichtig ist


Anouk: Also dem Deutschen Bibliotheksverband zufolge gibt es in nur 15 Prozent der deutschen Schulen eine gut fachlich ausgestattete Bibliothek.

Inwiefern gehört eine Bibliothek in Ihrer Meinung nach zu einem wichtigen Bestandteil der Schule?

Frau Grützmacher: Wir können als Schulbibliothek niemals an ein irgendwie sinnvolles Angebot anreichen. Wir können immer nur einen mini-mini-Ausschnitt zeigen. Wir wollen hier Impulse setzen. Wer wirklich ein Leser ist, geht natürlich in die Stadtbibliothek und für Recherchen gibt es dieses Parallelangebot digitaler Art. Trotzdem bin ich total überzeugt davon, dass eine Schule ein Angebot bieten muss, und sei es noch so klein. Alleine aus Gründen der Leseförderung.

Und Literatur ist so wichtig. Es sind so fantastische Räume, die sich da auftun. Es ist einfach ein Raum von Ruhe, von Rückzug, von Gemütlichkeit.


„Literatur eröffnet fantastische Räume. Es ist ein Raum von Ruhe, von Rückzug, von Gemütlichkeit.“

Warum Schülerinnen und Schüler die Bibliothek nutzen sollten

Nerea: Warum sollten wir Schülerinnen die Bibliothek nutzen? Was können wir hier, was wir sonst nirgends haben?

Frau Grützmacher: Ihr könnt hier reisen. In der Fantasie, wohin ihr möchtet: in die Geschichte, in ferne Länder, durch Action, ohne euch selber je zu verletzen. Du kannst hier alle Gefühlswelten miterleben. Einfach nur, indem du dich hinsetzt und zwei Pappdeckel aufklappst. Gut, das kannst du natürlich auch zu Hause machen. Aber ihr wisst es selber am besten, wie ist so eine Pause? Was möchte man da manchmal haben? Vielleicht einfach nur einen warmen Sitzsack und ein bisschen Ruhe. Und keine störenden Gestalten um einen herum. Ein Buch ist immer dein Freund!


„Ihr könnt hier reisen. In der Fantasie, wohin ihr möchtet.“

3 Gründe für Zeit in der Bibliothek:

  1. Ruhe

  2. Gute Bücher

  3. Schönes Licht


Top 3 ausgeliehene Bücher:

  1. Gregs Tagebuch

  2. Harry Potter

  3. Percy Jackson


Wünsche für die Zukunft


Nerea: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bibliothek? Mehr Platz, mehr Medien, mehr Action?

Frau Grützmacher: Also mehr Platz wäre toll, ein Arbeitsraum wäre toll, so wie es in der alten Wohnung war, dass eben Kinder, die arbeiten wollen, wirklich einen Arbeitsplatz haben, ohne die Lesenden zu stören.


Faszination für Literatur


Aylin: Sie sind auch Deutschlehrerin. Was fasziniert Sie persönlich an der Literatur?

Frau Grützmacher: Also, Literatur hat immer zwei Aspekte. Zum einen gibt es inhaltliche Momente, die dir Welten eröffnen, die du niemals betreten kannst oder würdest. Zum Beispielweil es ausgeschlossen ist, weil wir von Fantasie-Zukunftswelten reden, von vergangener Geschichte. Das kann ich aber alles lesen. Ich kann mit meinem Buch überall hin, in Zeit und Raum, mich frei bewegen. Das finde ich großartig.

Und zum anderen kann ich eben immer erkennen, ich bin nicht allein, mit meinen Sorgen, mit meinen Nöten, mit meinen Fragen an die Welt und dieses Leben. Guckt euch um, alle diese Menschen, die geschrieben haben, haben sich mit diesen Fragen befasst. Die haben Antworten, die mir vielleicht nie einfallen. Oder Antworten, die genau meine gleichen sind.

Und beides gibt mir ein besseres Gefühl. Ich fühle mich da aufgehoben, verstanden, inspiriert.


Ich kann mit meinem Buch überall hin, in Zeit und Raum, mich frei bewegen.

Einer von vielen Bücher-Tipps von Frau Grützmacher / Foto: Jamie Al-Khalaf
Einer von vielen Bücher-Tipps von Frau Grützmacher / Foto: Jamie Al-Khalaf

Anouk: Bei welchem Buch haben Sie zuletzt geweint oder besonders viel gelacht?

Frau Grützmacher: Also als letztes habe ich einen Roman gelesen, „Venuto al mondo“ von

Margaret Mazzantini. Der ist auf Italienisch, aber übersetzt würde es heißen

„Auf die Welt gekommen“ und der spielt in den 90ern während des Bosnienkriegs.

Und da musste ich tatsächlich lange schlucken dran – diese brutal offenen Schilderungen dessen, was in einem Krieg so passiert. Das hat mich wirklich sehr deprimiert, und dann musste ich tatsächlich auch manchmal weinen. Vor allen Dingen, weil es ja jeden Tag genauso in anderen Teilen der Welt weitergeht.

Dann lese ich aber, und jetzt kommen wir zum Lachen, die Peanuts. Damit bin ich als Kind groß geworden und jetzt lese ich sie wieder und bin total verliebt. Ich finde die so süß! Und so zeitlos, so rührend und eben auch sehr lustig.

Nerea: Welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Frau Grützmacher: Ich habe keine Lieblingsbücher, einfach weil es so viele Bücher gibt, die ich toll finde. Ich habe früher diese lateinamerikanischen Realisten sehr gemocht, zum Beispiel Vargas Llosa. Ich lese auch gerne ältere Texte z.B. Heinrich Mann „Der Untertan“, so ein großartiges Buch, was uns

als „Deutsche“ erklärt. Wo kommen wir her? Was ist das für eine Mentalität, diese kaisertreue Autoritätsfürchtigkeit? So wunderbar beschrieben.

Ich lese aber auch gerne Marc-Uwe Kling, zum Beispiel "Quality Land". Das würde ich wirklich jedem, jedem empfehlen. Ein so ein lustiger, zugleich auch todtrauriger Roman, der die Zukunft vorwegnimmt, aber im Grunde unsere Gegenwart beschreibt, mit diesen iPads überall und digital bestimmt.

Und uns dabei mit einer sehr guten Mischung von Satire aber auch Ernsthaftigkeit zeigt, wo unser Leben uns hinführen wird.


„Ich bin nicht allein, mit meinen Sorgen, mit meinen Nöten, mit meinen Fragen an die Welt und dieses Leben.“

Die Top Buchempfehlungen von Frau Grützmacher 


Für Mädchen:

1.  Graphic Novels von Liv Stromquist (für Ältere)

2.  Esthers Tagebücher von Riad Sattouf (für Jüngere)

3.  Molly Moon von Georgia Byng


Klassiker:

1.  Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch von Michael Ende

2.  Die Unendliche Geschichte von Michael Ende

3.  Das Sams von Paul Maar

Wenn ihr Fremdsprachen lest, empfehle ich immer Comics. Weil da die Bilder die Vokabeln so gut erklären und man so einen Alltags-Fremdsprachen-Gebrauch erlernt. Viel origineller und natürlicher als in diesen eigenartigen Lernlehrwerken.


Bücher verfilmen?

Aylin: Was halten Sie von Buchverfilmungen?

Frau Grützmacher: Tatsächlich bin ich kein Freund von Buchverfilmungen, weil ich schon so traurige Enttäuschungen erlebt habe. Was gedruckte Literatur so reich macht, ist eben die Möglichkeit, dass du alles selber gestaltest. Einmal habe ich den Herr der Ringe gelesen, in einem durch mit hohem Fieber. Das war so eine beeindruckende Welt für mich; ich habe das so gelebt und mir so

ausgemalt. Als ich dann Jahre später in diese erste Verfilmung gegangen bin, die ja sehr gelobt wurde, war das im Vergleich zu meiner Vorstellung so lahm, schrecklich, traurig, diese Elbenwelt… Versteht ihr? Die eigenen Bilder sind immer die wertvollsten. Und das ist eben für mich der Reiz an Literatur. 

Filmbilder können auch toll sein, diese Harry Potter Romane zum Beispiel sind gut umgesetzt. Aber grundsätzlich finde ich, ein Roman lebt für sich.


Bücher in der digitalen Welt


Nerea: Welche Bedeutung haben Bücher heute noch in einer Zeit, in der viele lieber scrollen oder Videos anschauen?

Frau Grützmacher: Ich glaube, Bücher haben nach wie vor die gleiche Bedeutung. Sie geben dir Ruhe und sie geben dir die Kontrolle über deinen Mediengebrauch zurück. 

Wenn du ein Buch aufschlägst, bestimmst du, wie schnell, wie viel, wie lange, wie laut, wie nah lasse ich das an mich ran. Du bist der Herrschende über deine Wahrnehmung. Und ich glaube, in einer Zeit, in der wir so zugeschüttet werden mit Superimpulsen digitaler Art von allen Seiten bis 24 Stunden nachts ins Bett rein, ist das noch viel wichtiger geworden. Gerade in Krisenzeiten, wo du Konstanz brauchst, denke ich, ist das Buch tausendmal besser geeignet.

Aylin: Wie nehmen Sie das Leseverhalten unserer Generation wahr, besonders hier an unserer Schule?

Frau Grützmacher: Ich bin immer wieder freudig überrascht, wenn ich manchmal in

Klassen frage, wer liest denn hier noch? Und dann zeigen 25 von 30 Kindern auf. Wo ich so denke, huch, die lesen doch. Aber die Umsatzzahlen des Buchhandels allein, gerade im Bereich Jugendliteratur, sind ja wirklich gut. Ich hoffe, ihr lest. Ich denke, es gibt eigentlich kaum was Freieres und Schöneres.


„Wenn du ein Buch aufschlägst, bestimmst du, wie schnell, wie viel, wie lange, wie laut, wie nah lasse ich das an mich ran.“

Bannlisten in den USA


Schaufenster Buchladen / Foto: N. Cheng
Schaufenster Buchladen / Foto: N. Cheng

 

Anouk: In den USA werden derzeit viele Bücher aus Schulbibliotheken verbannt. Wie stehen Sie zu solchen Bannlisten?

Frau Grützmacher: In den USA passieren viele Dinge, die ganz, ganz furchtbar sind. Ich denke schon, man muss gucken, dass Kinder einfach altersspezifische Themen und nicht überfordernde Themen zu lesen bekommen. Aber ich denke, die Verbannungen in den USA haben andere Gründe. Da geht es nicht um Jugendschutz, sondern um Meinungseinschränkung, Denkungskanalisation, Gleichschaltung. Es ist absurd. Es ist atemberaubend erschreckend.

Nerea: Gibt es Themen oder Darstellungen, die Sie in Büchern kritisch sehen? Und wie gehen Sie damit als Bibliotheksleiterin um?

Frau Grützmacher: Es kommt ja immer darauf an, wie das eingebaut ist. Es gibt

durchaus Bücher über Menschen, die beispielsweise Verbrechen begehen und dann mit den Konsequenzen umgehen müssen. Wenn diese Bücher klar machen, es kann passieren, dass man richtig schlimme Fehler macht, aber wie

finde ich da einen konstruktiven Weg zurück? Dann würde ich sagen, das ist okay. Wenn es jetzt Bücher mit sinnlosen Gewaltdarstellungen

oder Verherrlichungen von Missetaten sind, dann würde ich sagen: Nee! Aber das gibt es sehr selten. 

Was wir wirklich abbestellt haben, weil es so schrecklich war, war dieses grauenvolle Magazin Popcorn. Wir haben das aus dem Programm genommen, weil das so ein blödes, einseitiges Mädchenbild abgegeben hat. Das haben so viele junge Mädchen schon den ganzen Tag. Das muss man nicht noch in der Schülerbibliothek auslegen.


E-Books

Aylin: Wie stehen Sie zu E-Books und digitalen Lesegeräten? Ergänzung oder Konkurrenz zum gedruckten Buch?

Frau Grützmacher: Auch da gibt es ja Zahlen aus dem Buchhandel, die ganz klar sagen, es ist eine Ergänzung. Viele lesen E-Books beispielsweise auf Reisen, statt zwölf Kilo steckt man einfach einen E-Reader ein. Dennoch legen Umsatzzahlen nah, dass E-Books die gedruckten Bücher nicht verdrängen.

Aber ich kann nichts mit E-Readern anfangen. Ich hab's zweimal versucht. Aber als ich dann irgendwie beim dritten Roman angekommen war, wurde mir klar: Ich weiß gar nicht, wie der heißt, weil diese Kacheln ja alle gleich aussehen.


„Bücher sind Vitamine für die Fantasie – also lest Bücher!“

Aylin: Gibt es etwas, das Sie den Schülern und Schülerinnen auch mitgeben wollen?

Frau Grützmacher

(Holt ein Schild und stellt es auf den Tisch)

Aylin: (liest vor) Bücher sind Vitamine für die Fantasie, also lest Bücher! Euer Bibi-Team.

Anouk: Vielen Dank für Ihre Zeit.


Nerea, Aylin und Anouk im Interview mit Frau Grützmacher / Foto: Jamie Al-Khalaf
Nerea, Aylin und Anouk im Interview mit Frau Grützmacher / Foto: Jamie Al-Khalaf


 
 
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